Unser Auftrag - Betlehem

Betlehem erzählt von einem Gott, der zu uns kommt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten – die Geschichte einer „Gratis-Liebe“. Gott macht sich klein, wird ein Kind, um zugänglich, erreichbar, berührbar zu werden. In diesem neugeborenen Kind verzichtet Gott auf alle Formen der Macht. Er lässt sich ganz auf unsere menschliche Ohmnacht und Schwachheit ein und rettet die Welt alleine aus der Kraft der Liebe. 


„Er macht sich so klein, ein winziges Kind. Und das Kind sagt zu dir: Hab’ Mut! Komm zu mir, hab doch keine Angst vor einem so kleinen Wesen. Es lacht dich an und streckt die Arme nach dir aus. Es ist dein Gott und sieh: Er ist voll Einfalt und Lachen und Herzlichkeit. Sei voller Zärtlichkeit, voller Liebe, voller Vertrauen.“ (Bruder Karl von Jesus, Geistliche Schriften) 

Wir Kleinen Schwestern schauen gerne auf das Jesuskind in der Krippe. Dieser aufmerksame Blick leitet unsere Entscheidungen und gibt unserem täglichen Leben seine Ausrichtung.

Auch wir wollen klein werden. Das bedeutet für uns: Mit den Menschen leben, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, mit Migrantinnen, Menschen in prekären Arbeitsbedingungen, Suchtkranken, Randgruppen, Menschen ohne Obdach... unter ihnen und mit ihnen leben wir unser Leben "für Gott".  
Klein werden, das bedeutet auch: es aushalten, keine Lösungen zu haben; nicht auf menschliche Macht vertrauen, sondern auf die Torheit der Liebe. Es heißt, die Welt aus der Perspektive dieser "Kleinen" sehen lernen, die am Rande stehen, die keinen Platz haben in unserer auf Erfolg ausgerichteten Welt. Es heißt, Zeit für sie zu haben, sich einzulassen, ihre Lebensgeschichten zu entdecken, ihre Sprache lernen, ihre Art zu leben, ihre Werte. 
Klein werden: das heißt, gemeinsam mit ihnen unterwegs sein, möglichst frei von moralischen Urteilen. Ja, nur wenn wir wirklich klein werden, können wir darauf hoffen, von ihnen als ihre Schwestern angenommen zu werden.

Betlehem: die Geschichte der unendlichen Zärtlichkeit Gottes für uns Menschen, für einen jeden und eine jede von uns, mitten in einer zerissenen Welt. Dafür wollen wir Zeuginnen sein.

"Wichtiger als dein Dasein als Ordensfrau ist dein Dasein als Mensch und Christin. Lebe es in der ganzen Fülle und Schönheit, die in diesen Worten liegt. Sei ganz und gar Mensch, um Gott, dem Vater, der dich erschaffen hat, Ehre zu erweisen und um Zeugnis zu geben für die Menschwerdung Christi, deines geliebten Bruders und Herrn. Je tiefer und vollkommener dein Menschsein reicht, desto tiefer und vollkommener kannst du es Gott in den Ordensgelübden schenken."  Kleine Schwester Magdeleine von Jesus, Grünes Heft

Das Geheimnis von Betlehem

Kl. Sr. Dorothea


Früher war mein Vater Lehrer. Heute ist er aufgrund seiner Alzheimererkrankung hilflos und angewiesen wie ein kleines Kind. 


Er versteht die Welt und ihre Zusammenhänge nicht mehr. Wörter verlieren ihren Sinn, aber der Klang und die Melodie der Stimme finden noch Resonanz. Und die Zuneigung und Kontaktaufnahme durch Berührung – diese urmenschliche Geste, die zurzeit zum Hochrisikofaktor geworden ist.


Er lebt in einem Pflegeheim. Ob er wahrnimmt, dass ihn seine Ehefrau nicht mehr besucht, weil es aufgrund von Corona verboten ist? Ob er ahnt, um ihren Schmerz, ihr Heimweh, ihr Sorgen? 


Eine der Krankenschwestern, die ihn jetzt pflegt, ist eine ehemalige Schülerin von ihm.  Am Telefon erzählt sie meiner Mutter: „Früher, da war er eine Respektperson für mich. Heute, in seiner Verlorenheit, da bleibt mir nichts anderes, als ihn einfach gern zu haben!“

In Bethlehem wird Gott Mensch. Er gibt sich als kleines Kind in unsere Hände, angewiesen und hilfsbedürftig. So als wolle er uns ein für alle Mal die Angst vor einem strengen und strafenden Gott nehmen. Er, Gott, sehnt sich nach Zärtlichkeit und Liebe! Er hat Heimweh nach uns Menschen in unserer Verlorenheit und Angst. 


Wenn mich der Schmerz um das Leid meiner Eltern zu überwältigen droht, dann findet dieser Schmerz im Geheimnis von Bethlehem Raum, weil ich ahne, wie eng Krippe und Kreuz, Geburt und Tod in jedem menschlichen Dasein miteinander verwoben sind. Dieses Wissen nimmt dem Schmerz nichts von seiner Intensität, aber er darf sich immer wieder neu einbetten in den Glauben, dass Gott in seiner Menschwerdung gerade den Schwachen und Ohnmächtigen eine ganz besondere Würde zuspricht.


„Seid voll Zuversicht! Ihr werdet nie zu viel Vertrauen in diesen Jesus haben, der so gut und so groß ist, und der Euch trotz all Eures Elends erwählt hat. Schmälert in Euch nicht das Wunder der Gnade. Seid nicht kleinlich. Habt einen sehr großen und weiten Horizont wie unsere Wüste...
Seid ganz klein und zugleich sehr groß.“
Kl. Sr. Magdeleine